“DIE WILDE JAGD” – wenn Farben tanzen

Die ursprüngliche Zeitspanne der “Wilden Jagd” umfasste die Rauhnächte zwischen der Wintersonnenwende und dem Neujahr. Ein Geisterzug zog mit fürchterlichem Gerassel unter Schreien, Johlen, Heulen, Jammern, Ächzen und Stöhnen durch die Lüfte. Oft warnten die Anführer des Zuges mit lautem “Ho, Ho, Ho”. Man sollte weder nach der “Wilden Jagd” Ausschau halten noch sie verspotten. Sonst müsste man oft Jahre mit den gruseligen Gesellen mitwandern. Von Europa bis Kanada galoppierten und ruderten zur Wintersonnenwende die unterschiedlichen Mitglieder verschworener Jagdgesellschaften über den Himmel.

Auf Erden hingegen wurden zeitgleich seltsame Festtage gefeiert. Es waren Tage der Umkehr, das Fest der Narren beispielsweise oder das Eselsfest . Während der sogenannten Verkehrten Messe zogen als Ochs und Esel Verkleidete (Schüler und junge Kleriker – siehe “Umgekehrte Macht: Wenn Kinderbischöfe und Novizen herrschen, katholisch.de) feierlich in die Kirche ein, um vor versammelter Gemeinschaft das Altbekannte auf den Kopf zu stellen. Bestehende Hierarchien wurden temporär aufgehoben oder karikiert. Der Musiker, Musikwissenschafter und Theologe Stefan Klöckner beschreibt in seinem Artikel “Im Mittelalter war der Spott gegen die Kirche schärfer als heute”, dass dieser Spott kein Angriff von außen war, sondern Teil der Ordnung selbst. Die Kirche tolerierte – zeitweise sogar organisierte – diese Umkehrungen, weil sie als Ventil fungierten, aber auch als individuelle und kollektive Selbstvergewisserung.

Ich selbst streune in diesen Tagen gedanklich zwischen Begriffen zur matriarchalen Ästhetik, Szeemanns Kunstgeschichte der Intensität und meiner To-do-Liste. Ich versuche dabei professionell und geordnet zu sein, bin es ganz und gar nicht und entscheide, es mit den Umkehr-Tagen zu versuchen.

Ich male stattdessen zur “Wilden Jagd”. Denn mir dämmert, dass sich Szeemanns “Kunstgeschichte der Intensität” erst vollständig durch das eigene Tun eröffnet – Sinn entsteht im Vollzug. Malerei (Kunst) ist kulturelle Praktik, in der Wirklichkeit nicht nur dargestellt, sondern hervorgebracht wird. Sie ist Verwirklichung. Sie realisiert Leben dort, wo Sprache allein nicht ausreicht und Begegnung auf allen Ebenen überlebenswichtig ist. Sie erlaubt aber auch Umkehrung, Kritik und Neuordnung. An diesem Punkt erschließt sich der Einstieg in die Prinzipien der matriarchalen Ästhetik. “Es gibt, um sie kennenzulernen, keinen anderen Weg, als in ihren Prozess einzusteigen.” (Göttner-Abendroth, Die tanzende Göttin, 81)

Ich denke, so verhält es sich auch mit unseren wiederkehrenden Festen. Dort wo Sprache nicht ausreicht, verbindet eine herzliche Begegnung und eine freundliche Geste. Es dauert nun nicht mehr lange, dann feiern wir das große Fest der Geburt. Mein Blick fällt auf ein Weihnachtsgeschenk, das mir kürzlich von einem lieben Menschen überreicht wurde. Es ist ein Stehkalender für mehr Gelassenheit. Dort steht für den Neubeginn im kommenden Jahr:

“Leben heißt langsam geboren werden.” Antoine de Saint-Exupéry.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, Euch ein wunderbares Weihnachtsfest mit Ihren/Euren Liebsten! Alles nur erdenklich Gute für das kommende Jahr! Danke für die vielen wunderbaren, warmherzigen Begegnungen in diesem Jahr!

Herzliche Grüße!

Isabella

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